Soča Valley

Keuchend und schwitzend rollt unser Reisemobil auf den letzten Rastplatz, bevor sich der vor uns liegende Tauerntunnel 6,5km durch das Felsmassiv frisst. Von Salzburg aus ging es bis jetzt stetig bergauf, kein Leichtes für den 30 Jahre alten Bus mit nicht einmal 80 PS und drei Insassen mitsamt Gepäck. Die abfallende Geschwindigkeit und steigende Temperaturanzeige haben angedeutet, dass eine kurze Pause unumgänglich ist. Noch bevor wir die Motorhaube bei sengender Hitze öffnen, verrät eine kleine Pfütze unterhalb des Radkastens, dass das Kühlwasser bereits am Kochen ist. 

Wir, das sind Mani, Mathis und ich, Ole, haben uns vorgenommen, noch einmal gemeinsam zu verreisen, bevor sich unsere Wg in ein paar Tagen auflöst und wir getrennte Wege gehen. Das Reisemobil für unseren kleinen Trip ist Mathis´ neuestes Spielzeug, ein alter Citroen C25. Sicherlich kein Luxusmobil aber das richtige Gefährt, um einige Nationalparks in Slowenien zu durchkämmen. 

Nachdem wir dem Van ein wenig Zeit zum Abkühlen gegeben haben und das Kühlwasser aufgefüllt wurde, geht es weiter. Und während ich es mir wieder auf der Rückbank ohne Sicherheitsgurt gemütlich mache, diskutieren wir lautstark darüber, ob Mani wohl im Falle einer Vollbremsung mitsamt dem durchgerosteten Beifahrersitz durch die Windschutzscheibe segeln würde. Wieder auf der Straße stelle ich mit einem eher beiläufigen Blick aus dem Fenster fest, wie sich die Vegetation verändert hat. Was vorher noch saftige grüne Bergwiesen waren, wirkt nunmehr sommertrocken und der Geruch von trockenem Harz und Nadelhölzern breitet sich aus. Ein wenig erinnert es mich jetzt schon an vergangene Urlaube, die ich als Kind im Zelt entlang der Adriaküste verbracht habe.

Unser heutiges Ziel ist die Soča, ein Fluss, der in den Julischen Alpen Sloweniens entspringt und oberhalb vom Golf von Triest ins Mittelmeer mündet. Einige Schilder kündigen die letzten Serpentinen an und noch bevor wir uns geeinigt haben, ob wir lieber noch einmal Kühlwasser nachfüllen sollten, stehen wir am höchsten Punkt hinter der slowenischen Grenze. Gerade noch sind wir an den Ufern schimmernder Stauseen entlanggefahren, als sich plötzlich die schroffen Kalksteinwände unzähliger Gipfel des Triglav Nationalparks erheben. Gemächlich tragen uns die engen Passstraßen ins Soča-Valley. Die Sonne scheint noch immer mit voller Kraft und mit zusammengekniffenen Augen erkennen wir flüchtig die Soča, die sich hinter Felsen und Pflanzen versteckt ihren Weg ins Tal bahnt. Das türkis-blaue, klare Wasser ist ein Paradies für Wildwasserfanaten – gefühlt jedes Auto, das uns entgegenkommt, hat ein Kajak auf dem Dach. Die legendären Marmorataforellen, eine seltene Forellenart, die bis zu 1,20m groß werden kann und in den sauerstoffreichen Flüssen oberhalb der Adria zuhause ist, zeigt sich uns jedoch nicht.

Unser erstes Nachtlager schlagen wir südlich von Bovec auf. Nach einem kleinen Fußmarsch durch dichtes Gestrüpp finden wir uns am Ufer der Soča wieder. Kaltes, klares Wasser strömt über unsere Zehen, das Bier steht zum Kühlen im Fluss und das wenige Treibholz dient als Zunder für ein kleines Feuer. Ums Feuer sitzend, teilen wir uns ein Sandwich, trinken unser Bier und genießen die kühle Luft, die das gurgelnde Wasser mit sich bringt. Unsere fuchtelnden Versuche, die sich anbahnende Mückeninvasion zu vertreiben, bleibt erfolgslos und so brechen wir langsam auf, um uns schlafen zu legen.

Während die erste Nacht im Bus ruhig war, treibt uns die ansteigende Hitze im Bus früh aus unseren Schlafsäcken und nach kurzem Frühstück machen wir uns daran, den Slap Boka, Sloweniens höchsten Wasserfall anzuschauen. Schon bald nimmt jedoch die Sehnsucht nach den windigen Straßen entlang der Soča überhand und kurze Zeit später genießen wir wieder, die durch die Fenster uns entgegenströmende Luft. Immer tiefer führen uns die Wege in zugewachsene Täler hinein, bis wir kurz vor einem Wehr einen Platz fern jeglicher Touristen finden. Zu unseren Füßen, keine zwei Meter hinter unserem Bus, erstreckt sich der aufgestaute Fluss. In Ufernähe tummeln sich Barben und kleine Wasserschlangen, die pfeilschnell hervorkommen, um Jungfische zu jagen, während wir im kniehohen Gras sitzen, um das Schauspiel zu beobachten. Langsam neigt sich der Tag dem Ende entgegen und die letzten Sonnenstrahlen lassen die Schatten über dem Fluss immer länger werden. Das Knistern und Knacken trockenen Holzes im Feuer bleibt an diesem Abend die einzige Geräuschkulisse. 

Ähnlich warm wie schon der Morgen zuvor kündigt sich der nächste an. Während unserer zweitätigen Fahrt ist die Soča ruhiger geworden und obwohl sie sich noch immer ihren Weg durch die umliegenden teils steil abfallenden Schluchten sucht, ist sprudelndes Weißwasser nunmehr eine Seltenheit. An irgendeinem Punkt haben wir den Fluss aus den Augen verloren. Die Alpen haben wir hinter uns gelassen, lediglich eine am Horizont liegende Bergkette trennt uns vom Mittelmeer. In gemächlichem Tempo schaukelt uns der Bus über die Landstraßen. Entlang kleiner Dörfer und Felder, auf denen Weinreben an Stöcken der Sonne entgegenklettern. Was sonst als kitschige Klischees italienischer Filme abstempelt wird, scheint überraschend real zu sein: Häuser in Pastellfarben und von der Sonne gezeichnete Menschen, die am Straßenrand stehen und sich unterhalten. Nur eine italienische Oma, die aus dem Fenster schreiend ihre Enkel zum Essen ins Haus beordert, würde dieses Bild noch perfekter machen. Während der Bus die letzten Serpentinen erklimmt, frage ich mich, was sich wohl langsamer dreht: Die Räder der Zeit in den Dörfern oder unsere Reifen bergauf. Oben angekommen breitet sich eine Hochebene aus und unsere Hoffnung, vom höchsten Punkt der Bergkette aus das Meer sehen zu können, wird erst einmal zunichte gemacht. Staubige Erde und kleinwüchsige Nadelhölzer begleiten uns eine Weile bis wir auf eine kleine Ortschaft treffen. Laut Navi befindet sich das Meer unmittelbar dahinter und so folgen wir immer enger werdenden Gassen. Steil windet sich das Kopfsteinpflaster den Hang hinab und kurz bevor wir ein Schild mit der Aufschrift 24 % Gefälle erreichen, erblicken wir zum ersten Mal zu unserer Linken das silbern schimmernde Mittelmeer. Könnte der Bus sprechen, würde er sich mit Sicherheit bei uns bedanken, diesen Weg lediglich hinab fahren zu müssen. Kurze Zeit später geben wir dem Bus eine wohlverdiente Pause und mit Badeutensilien unterm Arm begeben wir uns zum südlichsten Punkt unserer Reise. Am Rand eines kleinen Hafens nördlich von Triest breiten wir, der deutschen Tradition folgend, unsere Handtücher auf der Hafenmauer aus und springen den Wellen entgegen. Das Wasser ist angenehm warm und im Gegensatz zur Soča können wir eine gewisse Zeit herumschwimmen, ohne dass uns die Gliedmaßen abfrieren.

Ohne ein Ziel sind wir vor drei Tagen aufgebrochen und eigentlich sind wir seitdem auch nur einem Fluss hinterhergefahren. Kilometer haben wir kaum welche gesammelt, doch so oft wie ein Eindruck dem nächsten gewichen ist, kommt es mir auf der Rückbank sitzend vor, als wären es Wochen gewesen.

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