Mit Van und Mountainbike durch Norwegen auf die Lofoten tingeln

„Ist der Rum für unseren Limetten-Tee etwa schon leer?“ Alex klang schon fast enttäuscht, als er morgens um zwei, im rötlich schimmernden Licht der Mitternachtssonne einen Blick in den Kühlschrank warf. Ein Desaster auf unserem Mountainbike Trip durch Norwegen. Wie konnte es nur zu so weit kommen, frage ich mich rückblickend. Alles hatte so unschuldig begonnen.

Alex und ich kennen uns aus Hamburg, wo wir seit unserer Jugend damit beschäftigt waren, die umliegenden Hügel in eine Art Trailcenter für Arme zu verwandeln. Und obwohl wir aufgrund meiner Studien- und Alex‘ Arbeitssituation nicht mehr wöchentlich zusammen biken, schaffen wir es doch hin und wieder gemeinsam unterwegs zu sein. Für einen mittellosen Studenten, wie mich bedeutete dies, dass ich mit Bike, Fotoausrüstung und Gepäck quer durch Deutschland gurke, damit mich Alex mit seinem neuen, schnieken Van einsammeln kann. Dieser verleitete uns auch dazu, unseren inneren Bear Grillz zu channeln. Einsam sollte es sein! Und da wir beide ziemliche Skandinavien Fanboys sind, war das Ziel ziemlich schnell klar: LOFOTEN.

Mit meinem Enduro, der Fotoausrüstung und einem vollgestopften Rucksack saß ich also wieder in der Bahn – dieses Mal Richtung Hamburg. Die Reiseplanung habe ich mitsamt dem Versprechen abgegeben, dass ich unseren Trip in ein Magazin bringen werde. Ein klassisches Casting-Couch-Versprechen unter OutoorsportlerInnen.

Und dennoch war ich ein wenig davon überrascht, wie sich Alex in die Planung reinnerden konnte. Entgegen meiner Erwartung fand ich keine Kartenstapel vor. In Hamburg angekommen, öffnete er lediglich seinen Laptop und zeigte mir Videos und alte Reiseberichte. „Hier, hast du das Ortsschild gesehen?“, oder „Guck dir den Strand an, den habe ich in einem anderen Bericht auch gesehen!“, waren die einzigen Sätze, die ich von Alex hörte. Er hatte zuvor Foren durchsucht und dutzende GPS-Karten miteinander verglichen. Diese unscheinbaren Infos setzte er wie ein Puzzle zusammen und mit den GPS-Daten wurde anschließend das Navi gefüttert. Zack, feddich.

Der erste Zwischenstop in Ål

Mit einem Van voller Proviant brachen wir auf – und wer Skandinavien kennt, weiß dass der Alkohol vor Ort so teuer ist wie drei Münchener Warm-Mieten. Unser Proviant bestand also aus Bier und naja Rum eben. Aber zurück zum Biken: Der Ort Ål sollte das erste Ziel sein. Über die 8 km lange Öresund-Brücke, an Göteborg und Oslo vorbei, landeten wir zweieinhalb Tage später in Ål. Dem Ort, den viele vor allem durch das Hillibilly Huckfest kennen werden. Dank der vorangegangenen Tage auf schwedischen und norwegischen Autobahnen und Landstraßen, juckte es uns bereits in den Fingern, endlich Spuren im feuchten Waldboden zu hinterlassen. Das Wetter war durchwachsen, während wir es uns vor den Toren eines Nationalparks auf einem Hochplateau bequem machten.

Eine halbe Stunde später wurden die Teleskopstützen eingefahren und die erste Abfahrt konnte beginnenn. Entlang eines kleinen Wildbaches schlängelte sich der Trail über bemooste Steinfelder und entlang einiger tierischer Spuren am Wegesrand. Den Wildbach mussten wir wenige Minuten später überqueren und um es vorweg zu nehmen: Wir stellten uns schlimmer an, als eine Gruppe 14-jähriger Stadtkinder, die schon beim Zeltaufbau verzweifeln. Die überschwemmte Wiese durchwateten wir anschließend auch – allerdings mit weniger Geschrei. Der dahinterliegende Trail glich einem natürlichen Flowtrail mit vielen natürlichen Anliegern – ich glaube, dass hier sogar ab und an Enduro-Rennen sind. es gab nämlich ab und zu Rennmarkierungen im unteren Teil des Trails. Der erste Trail sollte eine Erfolg sein und so pedalierten wir brav grinsend und mit verkrampften Bremsfingern zum Van zurück. Erschöpft fielen wir in die Sitze und genossen ein Glas Rum – es sollte nicht das Letzte sein.

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Auf geht’s Richtung Sogndal

Am nächsten Morgen wurden wir vom prasselnden Regen geweckt. Auch der Wetterbericht versprach keine Besserung, weshalb wir Alex‘ Plan weiter folgten und Sogndal ins Navi tippten – hier sollten wir auch auf die ersten Fjorde treffen. Nach kurzer Fährfahrt fanden wir uns in dem kleinen Fischerort am Kaupanger Fjord wieder. Dem schlechten Wetter konnten wir nicht entkommen, weshalb wir unseren eigentlichen Bike-Plan über Bord warfen und Sognndal lediglich als Zwischenstopp nutzten, um zügig in den Norden zu kommen. Alex hatte während seiner Recherche einen Bericht gefunden, in dem eine Gruppe Fahrer mit Guide sich auf den Weg machte, um einen Trail zu befahren, der einst Ziegen davor bewahren sollte, hunderte Meter in eine Schlucht zu segeln – deshalb wohl die Bezeichnung Himalaya-Trail. Laut Alex’ Recherche befand sich dieser nur unweit vom Geiranger Fjord. Einem Ort, an dem sich Jahr für Jahr zigtausende Touristen einfinden, um der unberührten schroffen Natur Norwegens ein kleines Stückchen näher zu kommen. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg und begannen, unsere Räder besagten Weg im Zickzack hochzuschieben. Es gab zwar auch die Option, mit dem Van zum Traileinstieg zu fahren, allerdings hätten wir dann die gesamten Höhenmeter auf der einzigen Bundesstraße zurückfahren müssen. Uns wurde schon bald klar, warum im Bericht davon gesprochen wurde, dass unsere Vorreiter für die angegeben 400 Höhenmeter deutlicher länger gebraucht haben. Der schmale Weg fiel neben uns bestimmt 50 Meter in die Tiefe und auch der vor uns liegende Teil sah mehr wie ein Bike-Bergsteigabenteuer aus als ein Flow-Wunder. Nach circa der Hälfte der Höhenmeter beschlossen wir, uns dem Risiko nicht unnötig auszusetzen und machten uns daran, den immer noch technischen aber weniger tödlich aussehenden unteren Abschnitt zu befahren.

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Auf zum Mountainbike-Klassiker: Norwegens Trail-Paradies: Fjøra

Unsere letzte Haltestelle in Fjordnorwegen sollte Fjøra sein. Dank eines Einheimischen, der uns die Hinweisschilder übersetzte, fanden wir innerhalb einer Hafenanlage einen Platz für die Nacht. Nur 5 Minuten entfernt vom Mefjellet, dem Berg, den viele aus den Bike-Videos von Norrona kennt. Über Schotterwege erreichten wir nach einer Stunde eine Ansammlung von Blockhütten. Von dort an ging es zu Fuß weiter. Eine weitere Stunde später gelangten wir über einen Kamm auf den 1100 m hohen Gipfel des Mefjellets. Mit dem Storfjord als Backdrop bot sich der Mefjellet geradezu als Fotolocation an. Der obere Teil zeichnete sich durch einige technische Stufen aus, während der Grat nach unten hin abflachte. Mit dem Blick auf die im Fjord schwimmenden Fischfarmen war dies jedoch einer der besten Trails, die ich je gefahren bin.

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Endlich mit dem Mountainbike auf die Lofoten!

Unsere Reise setzten wir anschließend fort und verließen den Süden Norwegens. Es war beeindruckend zu sehen, wie schnell sich eine Landschaft ändern kann – fühlte man sich zuvor noch umzingelt von schroffen Felsen, glichen diese mit der Zeit eher sanften Hügeln. Die nächsten Tage verbrachten wir wieder auf den „Autobahnen“ Norwegens Richtung Bodo – als Deutscher ist man hier echt verwöhnt, was die Reisegeschwindigkeit angeht. Angekommen in Bodo ging es direkt auf die Fähre und nach fünf Stunden Fahrt erhoben sich die ersten bedrohlich wirkenden Berge aus dem Meer. Auf einer der windigen Straßen, welche die Inselgruppen der Lofoten miteinander verbinden, fuhren wir noch eine kurze Zeit, bis wir uns auf einem Campingplatz unweit vom Strand niederließen. Zum ersten Mal wurden wir Zeugen der Mitternachtssonne – ein Glas Rum war natürlich auch vertreten.

Am nächsten Morgen schulterten wir unsere Räder und machten uns auf, um den Ryten zu befahren. Jetzt, am nördlichsten Punkt unserer Reise, mussten wir feststellen, dass sich etwas verändert hatte: Während wir im Süden Norwegens große Stücke zum Gipfel pedalieren konnten, glichen die Wege nun steilen, schmalen Wanderwegen. Keine Forststraßen, die uns alá Zauberteppich am Trailstart ausspucken würden. Das für die Lofoten bekannten, durchwachsene Wetter machte seinem Ruf alle Ehre und so stiegen wir mit geschulterten Rädern durch den Nebel.

Am Gipfel angekommen, lichteten sich die Schwaden und zum ersten Mal konnten wir erahnen, wie unbeschreiblich die Aussicht ist. Steile Felswände, die aus dem Meer emporragen und der Inselgruppe ihr unvergleichliches Aussehen verleihen. Von hier oben wirkten die Strände und Buchten fast tropisch. Noch bevor sich die Nebeldecke wieder schließen konnte, hüllten wir uns in unsere Regenjacken und rollten los. Entlang des Kamms, den wir zuvor noch hochgestiefelt waren. Vorsichtig ertasteten wir uns den Weg zurück ins Tal, während links und rechts das feuchte Glas glitzerte. Die Hälfte des Trails haben wir geschafft, bevor uns der Nebel wieder komplett verhüllte. 45 Minuten und einen Sturz später saßen wir wieder im Trockenen. Unglücklicherweise schwoll Alex‘ Fuß so sehr an, dass an biken nicht zu denken war. Er ließ mich sogar seinen treuen Van fahren… Es muss also wirklich wehgetan haben 😀

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An genau diesem Abend stellten wir dann auch fest, dass der Rum aus ist – und das ist nie ein gutes Zeichen. Der Wetterbericht für die nächsten Tage ließ auch keine Freudensprünge zu und so beschlossen wir, den Heimweg über Riksgränsen und Åre anzutreten – schließlich hatten wir noch 2500 km Heimweg vor uns.

Die leeren Rumfässer wurden auf dem Rückweg nicht weiter angerührt und Alex‘ Fuß war ein paar Tage später wieder „ok“. Es reichte zumindest, um einen Tag in Åre zu fahren. Rückblickend kamen wir weniger zum Biken als erhofft, haben dafür aber alle Plätze gesehen, die Alex sich zuvor ausgemalt hatte. Das nächste Mal brauchen wir mehr Zeit, um vielleicht mal einen sonnigen Tag auf den Lofoten abzupassen.

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