Leuchtender Flakturm

Gedankenverloren gehe ich den Strand auf und ab, während der trockene Sand zwischen meinen Zehen hindurchrieselt. Die Sonne senkt sich provozierend langsam in Richtung des Horizonts und obwohl der Anblick kitschig schön ist, sind meine Gedanken noch bei den Worten meines Vaters: „Im zweiten Weltkrieg wurde Helgoland von den Engländern beinahe dem Erdboden gleichgemacht!“.

Es ist Mitte September und obwohl sich der Sommer laut Kalender schon dem Ende neigt, sollen es noch einmal 28 Grad werden. Der Zeltplatz, auf dem wir gerade sind, liegt auf der Insel „Düne“ und gehört mit Helgoland zu einer Inselgruppe. Einst waren die beiden Inseln miteinander verbunden, doch das raue Wetter und ein Sturm sorgte 1721 dafür, dass die Insel in zwei brach. Der immer wieder aufkommende Wind erfasst das Zelt wie einen Drachen und hilft nicht gerade dabei, die Heringe im sandigen Boden zu verankern. Unsere Ankunft habe ich mit gemischten Gefühlen aufgefasst, denn es scheint, als wäre Helgoland zu einem Tagesausflugsziel von Rollator- Fahrer/innen mutiert. Mit meinen 26 Jahren senke ich den Altersdurchschnitt augenscheinlich erheblich. Das meiste davon sind allerdings Tagestouristen. Sobald die letzten Gehilfen auf die Fähren Richtung Hamburg verladen wurden, kehrt Ruhe ein. Und so laufen mein Vater und ich abends den Strand entlang und sind überrascht davon, wie viele Seerobben hier nächtigen, während die Seeluft auch bei uns dafür sorgt, dass wir früher als sonst unsere Schlafsäcke aufsuchen.

Ähnlich warm, nur windstiller zeigt sich der nächste Morgen. Wir frühstücken am Strand und blicken der im Morgenlicht schimmernden roten Anna entgegen. Dem Teil der Steilküste, für den Helgoland wohl am bekanntesten ist. Eine kleine Fähre, mit der wir gestern bereits gefahren sind, bringt uns zurück auf die Hauptinsel. Mit den Tourishops im Rücken machen wir uns daran, die schroffe Künstenformation Helgolands zu erkunden. Ein kleiner Pfad, den Hinweisschilder zieren, schlängelnd sich oberhalb der Steilküste entlang. Immer wieder sieht man Stellen, an denen das raue Wetter am roten Fels nagte, um Teile der Gesteins in die Fluten zu ziehen. Gedankenverloren stelle ich mich vor eines der ersten Hinweisschilder – „Trichter einer 5000 kg Bombe“, entnehme ich dem Schuld. Vor mir ist ein runder Kessel, geschätzt 30 Meter im Durchmesser und 7 Meter tief. Mein Vater steht mittlerweile neben mir und sagt eben jene Worte: „Im zweiten Weltkrieg wurde Helgoland von den Engländern beinahe dem Erdboden gleichgemacht!“. Helgoland war im zweiten Weltkrieg ein elementarer Außenposten der deutschen Marine. Warum das so war, weiß er nicht. Wir machen uns gemeinsam daran, die Steilküste abzugehen. Immer wieder stehen Tafeln am Rand des Weges und erklären die militärgeschichtliche Bedeutung Helgolands. Landschaftliche Schönheit und geschichtliche Benommenheit wechseln sich ab. Rechts glückliche Selfies, links Kriegsgeschichte. Unter dem Decknamen Hummerschere, sollte der größte deutsche Marinehafen erbaut werden, der die gesamte Flotte hätte aufnehmen können. Einen U-Bootbunker und verzweigte Bunkersysteme gab es bereits. Doch zur Fertigstellung kam es nie, denn am 18. April 1945 verdunkelte sich der Himmel und die Höllenpforten öffneten sich über Helgoland, während die Briten Bomben regnen ließen. Helgoland wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die, die überlebten, flüchteten. Erst Jahre später sollte die Insel wieder den Deutschen übergeben werden. Recht wenig erinnert noch an diese Zeit. Der Flakturm, der einst Flieger vom Himmel holte, ist heute ein Leuchtturm und weist Schiffen den sicheren Weg in den Hafen. Die zerbombte Hafenmauer wird von den Gezeiten bearbeitet und erinnert nur noch entfernt an die mächtige Hummerschere, die sie einst darstellen sollte. Mit einem Kloß im Hals gehe ich weiter – rechts Hoffnung, links Geschichte. Ich frage mich, ob den meisten Menschen überhaupt bewusst ist, auf welchen Wegen sie entlanggehen?

Wieder ist die Insel menschenleer. Am Abend sitze ich mit meinem Vater erneut am Strand, lasse das Gesehene Revue passieren. Ich bin hergekommen, um Strand und Ruhe zu erleben. Doch ist Ruhe mit diesem geschichtlichen Hintergrund ein merkwürdiger Zustand.

 

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